#013 Premnitz zwischen Industrie und Natur
Shownotes
Premnitz ist eine Stadt voller Gegensätze – und genau das macht sie so spannend.
In dieser Folge von nextPremnitz34 werfen wir einen Blick auf die Entwicklung der Stadt von einem bedeutenden Industriestandort hin zu einem Ort, der mitten in einer der wertvollsten Naturlandschaften Deutschlands liegt.
Wir sprechen über:
- die industrielle Geschichte von Premnitz und die Entwicklung der Chemiefaserproduktion
- die Lage der Stadt im Naturpark Westhavelland
- das Naturschutzgebiet Untere Havel Süd als einzigartigen Naturraum
- die Havel-Renaturierung und ihre Bedeutung für Mensch und Umwelt
- Erfolge bei der Wiederherstellung von Auenlandschaften, Altarmen und natürlichen Flussläufen
- seltene Tierarten wie Seeadler, Fischadler, Biber und Fischotter, die hier einen wichtigen Lebensraum finden
- die Verbindung von Naturschutz, Tourismus und nachhaltiger Regionalentwicklung
- lokale Politik, Infrastruktur und kulturelle Sehenswürdigkeiten, die Premnitz als lebenswerte Stadt prägen
Diese Folge zeigt: Premnitz ist weit mehr als ein Industriestandort. Die Stadt verbindet wirtschaftliche Stärke mit einer außergewöhnlichen Naturlandschaft – und genau darin liegt eine große Chance für ihre Zukunft.
Mehr Infos auch unter: https://www.naturpark-westhavelland.de https://untere-havel.nabu.de https://www.visithavelland.de
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Redaktion: Christopher Weiß, in Zusammenarbeit mit NotebookLM Produktion: STRÖM New Audio Culture, www.stroem.media
🎧 Transparenzhinweis: Die Inhalte von SNAXX – The Snackable Podcast entstehen in einem kollaborativen Workflow: Die Inhalte und Ideen zu den einzelnen Folgen stammen von Christopher Weiß. Die redaktionelle Ausarbeitung und Produktion erfolgen in Zusammenarbeit mit NotebookLM (Google Labs) unter Nutzung der integrierten Podcast-Funktionen. Die Shownotes werden mit Unterstützung von ChatGPT erstellt, die abschließende Redaktion, Finalisierung und das Publishing übernimmt erneut Christopher Weiß.
Transkript anzeigen
00:00:00: Herzlich Willkommen zu einer weiteren Folge unseres neuen Podcasts Nextbremnitz, ihr Podcast aus und über Bremniz.
00:00:07: Hallo!
00:00:08: Stellen Sie sich mal eine Stadt vor in der das wirklich orenbetäubende Krachen einer massiven Pulverfabrik quasi nahtlos übergeht Naja, in das leise Platschen eines paddlenden Bibas.
00:00:21: Ein tolles Bild!
00:00:22: Ja oder?
00:00:23: Heute erkunden wir nämlich Premnitz im Havelland.
00:00:26: und das spannende an unserer heutigen intensiven Betrachtung der vorliegenden Quellen – wir haben da historische Dokumente, Naturführer- und auch Naturschutzberichte ist eben die Frage wie eine Gemeinde mit dieser extremen Dualität umgeht.
00:00:40: Richtig Unsere Mission für Sie heute ist, herauszufinden wie sich ein Ort der also wirklich ein ganzes Jahrhundert lang durch massive Schwerindustrie und Chemie geprägt wurde.
00:00:50: Heute als Tor zu einem der bedeutendsten Naturschutzgebiete und Flussrenaturierungsprojekt des Europas völlig neu erfindet.
00:01:06: Wie meinen sie das genau?
00:01:08: Naja, erst sehen wir die absolute erzwungene Manipulation der Natur für industrielle Zwecke.
00:01:14: Und dann fast wie in so einer Gegenbewegung die bewusste Kapitulation und die Rückgabe von riesigen Räumen an eben diese Natur.
00:01:22: Ja das ist wirklich ein bemerkenswerser Wandel!
00:01:24: Okay lassen Sie uns das mal aufdröseln.
00:01:27: Wir fangen am besten bei der historischen Basis an.
00:01:30: Gerne.
00:01:31: Wenn man sich nämlich die allerersten Aufzeichnungen ansieht, beginnt alles extrem unscheinbar.
00:01:36: Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr thirteenhundertfünfundsiebzig
00:01:40: Ein ganzes Stück her
00:01:42: Absolut.
00:01:43: Damals hieß der Ort Prebenitz und war ein kleines fast schon verschlafenes Fischerdorf direkt an der Havel.
00:01:49: Das Wasser war quasi die Lebensader
00:01:52: Genau es lieferte Fisch- und Transportwege Und dieser Zustand, also diese gewisse Isolation hielt tatsächlich über Jahrhunderte an.
00:01:59: Der fundamentale Bruch kam erst sehr viel später.
00:02:02: Ähm... Sie meinen,
00:02:04: ...exakt!
00:02:07: In mitten des Ersten Weltkriegs und dieser rasanten Industrialisierung brauchte man damals Standorte die Wasser für Kühlung- und Transportboten.
00:02:15: Aber sie mussten sicher sein oder?
00:02:17: Genau, sie musten weit genug von den unmittelbaren Frontlinien entfernt sein.
00:02:21: Also baute man in Premnitz eine Fabrik für Schießpulver.
00:02:24: Wahnsinn!
00:02:25: Die idyllischen Fischernetze wichen dann also gewaltigen industriellen Reaktoren?
00:02:30: Sozusagen über Nacht ja.
00:02:32: Die DNA der Stadt wurde komplett überschrieben.
00:02:34: Ein wirklich drastischer Sprung.
00:02:37: Aus Wasser und Fisch wird Feuer- und Schießpulver Und diese Fabrik verschwand nach dem Krieg nicht einfach
00:02:45: Nein, überhaupt nicht.
00:02:46: Sie wurden umgerüstet
00:02:48: Genau, die Produktion stellte sich auf Chemiefasern um und Premnitz wurde ein bedeutender Standort der IG-Farben.
00:02:55: Die Qualen zeigen da ganz deutlich das ab diesem Punkt die Stadtgeschichte wie so ein Motor war.
00:03:00: Ein Motor?
00:03:01: Ja!
00:03:01: Ein Motor der bei voller Fahrt immer wieder ausgetauscht und modifiziert wurde gesteuert von den globalen politischen und wirtschaftlichen Beben.
00:03:09: Oh ja.
00:03:10: Und ein sehr düsteres Beispiel für diese Erschütterungen liefert das Jahr nineteenhundertzweiunddreißig.
00:03:16: Das grobem Ungluck Beziehungsweise die Fabrikexplosion.
00:03:20: Ja, am siebten Dezember ereignete sich im Werk eine katastrophale Explosion.
00:03:25: Acht Menschen wurden getötet und die Zahl der Verletzten war enorm hoch.
00:03:30: Was aus den historischen Protokollen hervorgeht Und diese Zeit wirklich so gut charakterisiert ist Die tatsache dass dieses rein lokale Unglück sofort zu nationalem politischen Zündstoff wurde.
00:03:40: Das stimmt, die Fabrik war quasi ein Mikrokosmos der extrem angespannten Weimarer Republik damals.
00:03:48: Die Unterlagen zur Reichstagsdebatte, die er nur zwei Tage später stattfand, lesen sich wirklich wie ein politischer Krimi.
00:03:56: Der KPD-Abgeordnete Max Herm nutzte das Podium um der IG Farben unerhörte Antreibermethoden vorzuwerfen.
00:04:05: Er machte die harten Arbeitsbedingungen für die Explosion verantwortlich.
00:04:09: Und er gab der SPD direkt eine Mitschuld an diesem System, laut den Protokollen?
00:04:14: Richtig!
00:04:15: Worauf hindern Friedrich Ebert Junior für die SPD-Kontakte?
00:04:18: Genau
00:04:18: und er warf der KPD vor, die Toten und das Leid der Arbeiter lediglich für billige politische Profilierung im grellen Licht des Reichstags zu instrumentalisieren.
00:04:28: Während
00:04:29: die echten technischen Ursachen der Explosion zu dem Zeitpunkt ja noch völlig unklar waren?
00:04:33: Exakt.
00:04:34: Und diese Debatte zeigt uns halt, dass Bremnitz damals längst kein ruhiges Dorf mehr war.
00:04:39: Nein es war ein hoch politisierter Knotenpunkt der deutschen Industrie!
00:04:43: Und die düstere Verknüpfung mit der Weltgeschichte wird dann im Zweiten Weltkrieg ja noch bedrückender?
00:04:48: Ja absolut – Bremlitz wurde systematisch zu einem Ort der Zwangsarbeit.
00:04:53: Die Dokumente zählen twelvehundert Zwangsarbeiter und hundert Kriegsgefangene auf.
00:04:58: Das ist eine gewaltige Zahl für so einen
00:05:00: Ort?!
00:05:01: Die mussten unter schwersten Bedingungen in der Rüstungs- und Kohleproduktion schuften, im sogenannten Hafe Lager der Deutschen Arbeitsfront – auch direkt bei den IG-Farben.
00:05:10: Sie waren in sieben großen und mehreren kleinen Lagern auf engstem Raum eingepfercht.
00:05:15: Diese enorme Zahl an Menschen muss das Bild der Stadt damals massiv dominiert haben.
00:05:19: Es ist ein tiefgreifendes Trauma!
00:05:21: Absolut.
00:05:22: Was beim Studium der heutigen Stadtstruktur aber auffällt, ist der sehr bewusste Umgang mit diesem Kapitel.
00:05:29: Ja die Geschichte wird nicht unter den Teppich gekehrt.
00:05:31: Genau Wenn Sie heute durch Premnitz gehen stoßen sie auf greifbare Erinnerungskultur.
00:05:37: Ähm, Sie meinen die Mahnmale?
00:05:39: Ja Auf dem Friedhof im Ortsteil Döberitz gibt es zum Beispiel ein Denkmal für dreizehn ums Leben gekommene Zwangsarbeiter aus den Niederlanden Polen und der Sowjetunion.
00:05:49: Und da gibt es noch das in der Stadtmitte, oder?
00:05:52: Richtig!
00:05:52: An der Ecke Ernst-Tellmann und August Bebelstraße steht eine große Mahnmalzanlage des Bildhauers Karl Mertens.
00:06:00: Ah okay...
00:06:01: Die gedenkt den Opfern aus einundzwanzig Nationen.
00:06:04: Es ist quasi das steinane Eingeständnis der eigenen Geschichte.
00:06:08: Das ist extrem wichtig für die Identität so einer Stadt.
00:06:12: Wenn wir uns diese Identität ansehen nimmt sie nach dem Krieg ja eine erneute Wendung.
00:06:17: Ja, wir betreten die DDR-Ära.
00:06:19: Genau!
00:06:20: Das ehemalige IG Farmberg wurde in einen folgseigenen Betrieb umgewandelt und agierte dann ab mit dem Namen VEB Chemiefaserwerk Friedrich
00:06:31: Engels.
00:06:32: Mein sehr klangvoller Name für die damalige Zeit...
00:06:34: Und ab hier sprechen die Quellen wirklich von einer regelrechten Bevölkerungsexplosion.
00:06:39: Die Einwohnerzahl schoss von knapp viertausend vor dem Krieg auf fast zwölftausend im Jahr nineteenhundsiebzig hoch.
00:06:46: Die Stadt musste färmlich aus dem Boden gestampft werden?
00:06:48: Ja, mit riesigen neuen Wohnvierteln und alles drehte sich um ein einziges Wort das die gesamten Quellen dieser Zeit dominiert.
00:06:56: Volpüla
00:06:58: Genau!
00:06:58: Volpüler.
00:06:59: Aber was genau ist das eigentlich?
00:07:01: Volpühler is der Handelsname für Polyakryl nitril also eine synthetische Kunstfaser
00:07:07: Okay...Kunstfaser.
00:07:09: Um zu verstehen, warum das die Stadt so vereinnahmt hat muss man sich die Herstellung ansehen.
00:07:14: Man stregt es ja nicht einfach aus einem Faden Schön
00:07:17: wär's.
00:07:17: Ja,
00:07:18: es ist ein hochkomplexer wahnsinnig energieintensiver chemischer Prozess.
00:07:23: Erdölderivate werden polymerisiert und dann als flüssige Lösung durch harfeine Spindüsen gepresst.
00:07:29: Das klingt aufwändig!
00:07:30: das wird dann in ein chemisches Fellbad gedrückt wo der Faden erst fest wird.
00:07:34: dafür braucht man gigantische Mengen an Wasser Hitze Chemikalien Und vor allem tausende Arbeiter im Schichtsystem.
00:07:42: Premnetz wurde also quasi zum Taktgeber der DDR Textilindustrie Absolut.
00:07:47: Die Stadtkulisse bestand aus rauchenden Schloten, kilometerlangen Rohrleitungen und dem ständigen Summen der Maschinen.
00:07:53: Und
00:07:54: hier wird es wirklich interessant wenn wir uns ansehen wie sehr diese Industrie das Selbstverständnis der Stadt damals durchdrogen hat.
00:08:01: Oh ja!
00:08:01: Das Wappen
00:08:02: Ja – das historische Wappem von Premnitz.
00:08:05: Es zeigte eine rote Brücke einen silbernen Fisch im Wasser und darüber schwebend eine goldene Retorte
00:08:12: Also ein klassisches, bauchiges Chemiegefäß aus dem Labor.
00:08:16: Genau!
00:08:17: Der Fisch stand für die Vergangenheit und die Retorte für die absolute Gegenwart und Zukunft.
00:08:24: Aber ... ... aber ... ... also nach der Wende passierte etwas Bemerkenswertes.
00:08:30: Das Wappen wurde geändert.
00:08:32: Richtig – der Fisch und die Brücke blieben aber die stolze goldene Retort verschwand.
00:08:38: Einfach weg?
00:08:39: Ja Und an ihrer Stelle sitzen dort nun zwei schwarze Entenköpfe.
00:08:44: Ein Wappenwechsel ist ja kein Zufall, was war der Auslöser für diesen drastischen Identitätswechsel?
00:08:50: Was hier faszinierend ist – Der Auslöser war der harte wirtschaftliche Strukturbruch nach und neunzehntneunzig
00:08:55: Also die Nachwendezeit?
00:08:56: Genau!
00:08:57: Mit der Wiedervereinigung brach der Absatzmarkt für Wolpühler komplett weg.
00:09:01: Das Chemiefaserwerk wurde privatisiert und in die merkische Faser AG umgewandelt
00:09:07: Und die Anlagen waren vermutlich nicht auf dem neuesten Stand.
00:09:10: Richtig,
00:09:11: sie waren oft veraltet und die neuen ökologischen und ökonomischen Standards erzwangen radikale Unstrukturierungen.
00:09:19: Die Folge war ein enormer Arbeitsplatzabbau
00:09:22: Was dann sicher auch die Einwohnerzahl traf?
00:09:24: Massiv!
00:09:25: Die Arbeitslosigkeit stieg rapide an was zu einer starken Abwanderung führte.
00:09:30: Von diesen fast zwölftausend Einwohnern pendelte sich Bremnitz auf heute rund achttausend ein
00:09:36: Das ist ein Drittel weniger.
00:09:37: Ja, dieser fast traumatische Wegfall der alles dominierenden Industrie riss eine gigantische Lücke in die Seele der Stadt
00:09:45: und ähm... In diese Lücke trat dann die Natur.
00:09:48: das klingt jetzt fast ein bisschen zu poetisch finde ich.
00:09:51: Es klingt poetisch ist aber reine Physik- und Biologie.
00:09:54: Okay Als sie Schornsteine aufhörten zu rauchen als der ständige industrielle Lärmpegel Sankt und der Schiffsverkehr für den Chemikalien Transport abnahm da kehrte buchstäblich stille ein Und in dieser Stille fiel der Blick unweigerlich auf die Landschaft, die direkt vor der Haustür lag und die man vor lauter Industrie fast vergessen hatte.
00:10:13: Das riesige Überschwemmungsgebiet der
00:10:15: Havel... Exakt!
00:10:17: ...und wir sprechen hier nicht von so einem kleinen Stadtpark.
00:10:20: Premnitz liegt direkt am Naturschutzgebiet untere Havel Süd.
00:10:24: Die Quellen beziffern das auf dreitausend neunhundertdreiunddreißig Hektar Fläche.
00:10:29: Das ist gewaltig
00:10:31: Ja Und das ist ja nur ein Teil des Naturparks Westhaveland, der mit über thirteenhundert Quadratkilometern das größte Schutzgebiet dieser Art in Brandenburg isst.
00:10:40: Plötzlich hat man also auf der einen Straßenseite das industrielle Erbe und auf der anderen Seite eine Brut-und Rastregion von europäischem Rang.
00:10:49: Die Artenvielfalt, die in den Berichten aufgelistet wird ist einfach irre.
00:10:53: Seeadlerkreisen in der Luft – Der Eisvogel jagt im flachen Wasser Moorfrösche und Kreuzkröten leichen da Und Biber bauen ihre gewaltigen Dämme!
00:11:06: Stimmt die Gänse.
00:11:07: Ja,
00:11:07: auf ihrem Weg in die nordischen Brutgebiete nutzen bis zu neunzigtausend Bläs- und Waldsaatgänse diese Flussauern als Rastplatz.
00:11:16: Neunzig tausend?
00:11:17: Das ist unvorstellbar!
00:11:19: Warum genau hier?
00:11:20: Weil diese weiten, ungestörten Überschwemmungsflächen extrem nährstoffreich sind... Und gleichzeitig bieten sie Sicherheit vor Raubtieren.
00:11:28: Das ist pure Biomasse, die da zweimal im Jahr landet.
00:11:32: Dazu kommen ja auch noch diese hochspezialisierten Pflanzen?
00:11:34: Genau wie die Sumpfwolfsmilch oder das Gottes Gnadenkraut.
00:11:39: Die haben sich exakt an den ständigen Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser angepasst.
00:11:43: Aber diese Naturlandschaft ist nicht einfach durch einen Wunder in ihren Urstand zurückgekehrt, oder?
00:11:48: Nein ganz im Legenteil!
00:11:50: Das war harte Arbeit.
00:11:52: Und hier kommen wir zum Kernstück des modernen Bennmitz.
00:11:55: Seit Jahrzehnten läuft die Havel-Renaturierung.
00:11:59: Das ist das größte Projekt dieser Art in Europa, gesteuert vom NABU.
00:12:08: Aber der Aufwand ist alles andere als simpel!
00:12:11: Die Erfolgsbilanz aus dem Jahr Massiv.
00:12:15: Hundertvierzig Hektar Auenwald wurden gepflanzt, siebenhundertsechsenvierzig Hektare über Fluttungsgebiet geschaffen und zwanzig Inseln künstlich angelegt.
00:12:25: Und sechsundzwanzig Kilometer Uferbefestigung wurden abgerissen?
00:12:29: Ja das ist das Verrückte!
00:12:31: Aber mal ehrlich wir haben doch hunderte Jahre damit verbracht diesen Fülluss für die Schifffahrt und den Warentransport in ein starres berechenbares Korsett zu zwingen.
00:12:40: Richtig – Wir haben ihn begradigt, damit wir produzieren und transportieren können.
00:12:44: Und jetzt geben wir Millionen aus, reißen die Steine wieder raus und lassen das Wasser wieder die Kontrolle übernehmen.
00:12:52: Ist es nicht als würde man versuchen einen fertig gebackenen Kuchen wieder in seine Zutaten zu zerlegen?
00:12:57: Ein unheimlich teurer Versuch die Zeit zurückzudrehen!
00:13:01: Der Gedanke liegt natürlich nahe aber wenn wir das mit dem großen Ganzen verbinden sieht die Sache anders aus.
00:13:08: Inwiefern?
00:13:08: Tatsächlich geht es beim Renaturieren nicht um pure Nostalgie.
00:13:12: Es ist eine harte, infrastrukturelle Überlebensstrategie.
00:13:16: Für
00:13:16: den Hochwasserschutz?
00:13:17: Genau!
00:13:18: Wenn Sie einen Fluss in ein steinernes Korsett zwängen und ihn begradigen, bauen sie im Grunde eine Autobahn für Wassermassen.
00:13:26: Die
00:13:26: Uferbefestigungen – das sogenannte Deckwerk – bestehen aus dicken Basaltblöcken.
00:13:30: Die wurden tief in den Schlamm gerammt damit die Buchwellen der Frachtschiffe das Ufer nicht wegfressen.
00:13:35: Verstehe und was ist daran heute das
00:13:37: Problem?!
00:13:38: Bei starken Regenfällen rauscht das Wasser auf diese Autobahn einfach ungebremst und ohne Ausweichmöglichkeit flussabwärts.
00:13:47: Das führt zu diesen katastrophalen Hochwasserereignissen in den weiter unten liegenden Städten.
00:13:53: Also funktioniert das Renaturieren wie eine gigantische Bremse?
00:13:57: Genau, wie eine Bremze – und gleichzeitig wie ein Schwamm!
00:14:01: Und wie entfernt man die sechsundzwanzig Kilometer Steine?
00:14:04: Das klingt nach einem Albtraum….
00:14:05: Das ist es auch.
00:14:06: Man rückt mit schweren Baggern auf Pontons an, reist diese tief verankerten Blöcke mühsam aus dem Ufer und transportiert sie ab.
00:14:15: Wahnsinn!
00:14:16: Und dann?
00:14:17: Plötzlich darf der Fluss wieder an den Rändern nagen... Er spült Sand weg, lagert ihn woanders ab und es entstehen ganz natürliche Flachwasserzonen.
00:14:27: Und der Annabo hat ja auch diese alten Flussarme wieder angeschlossen?
00:14:30: Ja bereits dreiundzwanzig alte abgeschnittene Flussarme wurden wieder an den Hauptstrom angebunden!
00:14:36: Und warum macht man
00:14:37: das?!
00:14:38: Weil dadurch Bereiche mit völlig unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten entstehen – schnelles Wasser in der Mitte und stehendes sonnengewärmtes Wasser in den Seitenarm.
00:14:48: Ah für die Fische….
00:14:50: Genau, diese warnen Flachwasserzonen sind der mechanische Trigger den viele Fischarten zwingend zum Leichen brauchen.
00:14:56: Und gleichzeitig bekommt das Hochwasseraum.
00:14:59: Der Fluss kann über die Ufer treten, ohne Schaden anzurichten.
00:15:02: Richtig!
00:15:03: Das Wasser verteilt sich auf die siebenhundertsechsundvierzig Hektar Überschwemmungsgebiet und versickert langsam im Boden statt wie Sie sagten als zerstörische Welle flussabwärts zu rasen.
00:15:13: Das
00:15:13: ist der springende Punkt – diese Renaturierung ist essenzieller Hochwassungsschutz in Zeiten von immer häufigeren Wetterextremen.
00:15:20: Es repariert den komplett gestörten Landschaftswasserhaushalt.
00:15:23: Die Retorte und die Industrie sind Unverrückbare Teile der Historie, aber die Resilienz der Stadt hängt nun davon ab wie gut diese Flussauen funktionieren.
00:15:34: Ganz genau!
00:15:35: Und das Schöne für Sie als Zuhörer ist ja... dass sie diese ganzen Konzepte, also die irre Transformation von der Schwerindustrie zum Naturparadies nicht aus trockenen Akten studieren müssen.
00:15:46: Nein man kann das wunderbar physisch erleben!
00:15:49: Richtig – Die Quellen beschreiben detailliert eine Karnotour, die nennt sich Havel-Etappe II am blauen Band und die fährt exakt diese Bruchlinien ab.
00:15:58: Es geht vom Premnitz nach Ratenao
00:16:00: Eine ideale Route um diese Dualität hautnah zu spüren.
00:16:04: Was sagen denn die Fakten zur Tour?
00:16:05: Die Strecke ist vierzehn Komma neun Kilometer lang, wird als leicht eingestuft und dauert gemütliche drei Stunden.
00:16:12: Es gibt kaum Strömung und keine Höhenmeter die man irgendwie überwinden müsste.
00:16:16: Industrie der Vergangenheit existiert noch aber heute in Form von Vereinsnamen-und Freizeitaktivitäten.
00:16:23: Man beginnt an den Ausläufern dieser ehemals rauchenden Fabriken Und paddelt langsam in den Naturpark Westhavilland hinein.
00:16:30: Man gleitet förmlich aus der Geschichte direkt in die zurückgewonnene Wildnis.
00:16:35: Eine Zeitreise im Kano.
00:16:37: Sie paddeln direkt am Naturparkzentrum vorbei, tauchen ein in diese neu entstandenen uhrzeitlich wirkenden Auenwälder.
00:16:44: Wenn sie aufmerksam sind, sehen sie an den Uferbäumen sogar die Bisspuren der Biber über, die wir gesprochen haben.
00:16:50: Oder hören die Moorfrosche?
00:16:52: Ja!
00:16:53: Und die Tour endet schließlich wieder in der Zivilisation.
00:16:56: Am Wasser-Wanderstützpunkt des Optik-Parks Rathnau – dieser Park ist ein exzellentes Beispiel für moderne Landschaftsarchitektur.
00:17:04: Der ist zur Bundesgartenschau-Zweißen-Fünfzehn entstanden, oder?
00:17:07: Ja und Premnitz war da als einer von fünf Standorten maßgeblich beteiligt.
00:17:13: Damals wurde der Uferbereich völlig neu mit einer wunderschönen Promenade gestaltet.
00:17:17: Aber bei aller Idylle auf dieser Kanu-Tour es gibt ein technisches Detail aus den Quellen das überlebenswichtig ist.
00:17:23: Oh ja!
00:17:23: Ein absoluter Warnhinweis wenn sie auf der Haffel unterwegs sind.
00:17:27: Das betrifft die Wehranlagen Insbesondere an Schleusen wie der Stadtschleuse Ratnau.
00:17:32: Erklären Sie das mal kurz
00:17:33: Ein Wehr staut das Wasser an, um den Pegel zu regulieren – was aber viele Kanuten völlig unterschätzen.
00:17:40: Direkt unterhalb eines Wehrs entsteht durch das abfließende Wasser eine sogenannte
00:17:44: Wasserwalze.".
00:17:45: Das klingt bedrohlich!
00:17:46: Das ist wie das Innere einer Waschmaschine.
00:17:48: Das Wasser drückt nach unten, rollt über den Grund zurück ans Wehr und zieht alles was an der Oberfläche schwimmt erbarmungslos nach unten.
00:17:56: Also auch Rengkano?
00:17:57: Ja
00:17:58: es gibt dort keinen Auftrieb mehr.
00:18:00: die Quellen betonen wirklich völlig unmissverständlich dass Befahren der Wehranlagen extrem lebensgefährlich und absolut verboten
00:18:08: Also unbedingt die Beschilderung ernst nehmen, rechtzeitig ans Ufer fallen und die Boote umtragen oder eben die ausgewiesenen Schleusen nutzen.
00:18:16: Genau!
00:18:17: Wenn wir uns diese Tour dieses Erbe- und den heutigen Zustand so ansehen gibt es aber noch ein faszinierendes Bindeglied das Premnitz zusammenhält...
00:18:26: Und das wäre?
00:18:27: ...der Sport.
00:18:28: Man könnte ja meinen, nach dem Ende der chemischen Industrie wäre die Stadt in eine Lethargie verfallen.
00:18:34: Aber Premnitz ist eine waschechte Sport-Rochburg!
00:18:37: Ja
00:18:37: das ist ein sehr tief verwurzeltes soziologisches Phänomen.
00:18:41: Wie meinen Sie das?
00:18:43: Große Industribetriebe gerade in der DDR funktionierten wie eigene Mikrokosmen.
00:18:48: Das Chemiewerk verlangte von den Zehntausenden Arbeitern ja absolute Taktung Schichtarbeit und extreme körperliche und geistige Ausdauer.
00:18:58: Das schlaucht natürlich enorm.
00:19:00: Richtig!
00:19:01: Und um diese Masse an Menschen bei Laune zu halten und vor allem den Zusammenhalt zu fördern, hat die Industrie massiv in den Betriebssport investiert.
00:19:11: Ah, und der TSV Chemie Bremnitz war da das sportliche Aushängeschild des Werks?
00:19:16: Genau
00:19:17: Und wie erfolgreich die waren.
00:19:19: In den Quellen steht, dass die Handballer in den Siebzigerjahren eine absolute Macht waren!
00:19:24: Sie haben zwischen oneinzehntenhundertenundsiebzig und neunzehnhundertdreiundseitig dreimal den FDGB-Pokal gewonnen.
00:19:30: Das war der wichtigste nationale Wettbewerb damals?
00:19:33: Ja –
00:19:33: gespielt wurde in der Sporthalle am Tor zwei.
00:19:36: Die Halle stand also wortwörtlich direkt am Werkstor.
00:19:40: Die Arbeiter kam aus der Schicht und ging direkt rüber zum Jubeln.
00:19:43: Eine unglaubliche Atmosphäre muss das gewesen sein….
00:19:47: Und diese Mentalität dieser Ehrgeiz, der hat den Zusammenbruch der Industrie überlebt.
00:19:54: Heute ist es zwar nicht mehr der Handball, der dominiert...
00:19:56: Sondern?
00:19:57: ...die Sektion Bowling des TSV Chemie-Premnitz!
00:20:01: Die spielen tatsächlich seit der Saison zwei tausend vier, zweitausend fünf ununterbrochen in der ersten Bundesliga und wurden schon dreimal Deutscher Meister.
00:20:10: Was
00:20:10: fällt Ihnen dabei auf wenn Sie diese Entwicklung
00:20:12: betrachten?!
00:20:13: Von den schweren Chemiewerken hin zu Bundesliga im Boling und einem renaturierten Flussbett.
00:20:19: Also was bedeutet das alles?
00:20:20: Es zeigt sehr eindrucksvoll, dass die Identität einer Stadt nicht zwingend aus Beton, Schornsteinen oder einem goldenen Retortenwappen besteht
00:20:29: Sondern woraus?
00:20:30: Sie entsteht durch die Anpassungsfähigkeit der Menschen.
00:20:33: sie erhalten diese alten Vereinskulturen am Leben sie gründen neue Wassersportklubs an den Alten Industriehäfen Und sie bringen den kollektiven Mut auf, einen Fluss der sie einst industriell ernährt hat nun ökologisch heilen zu lassen.
00:20:47: Das ist wirklich schön gesagt!
00:20:48: Wir haben heute ja wirklich einen sehr weiten Bogen gespannt.
00:20:51: Das
00:20:51: kann man wohl sagen.
00:20:52: Vom unscheinbaren Fischerdorf Prebenitz über die explodierenden Pulverfabriken und die dunkelsten Kapitel des Krieges durch diese rauschende drönende Ära des Wollpreiler bis hin zum Moment in dem die Bagger kamen um die Steine aus dem Fluss zu reißen damit die Gänse und Biber zurückkehren konnten.
00:21:11: Primnitz ist quasi der lebende Beweis, dass keine Epoche so monumental sie auch wirken mag das letzte Wort in der Geschichte einer Landschaft hat.
00:21:19: Es ist ein kontinuierlicher Prozess oder?
00:21:21: Ja!
00:21:21: Ein kontinuerlicher Prozess des Werdens-und Vergehens.
00:21:26: Die Natur hat viel Zeit und die Renaturierung zeigt, dass der Mensch gelernt hat diese zeitlichen Dimensionen wieder zu respektieren.
00:21:34: Und das bringt mich zu einem abschließenden, vielleicht etwas provokanten Gedanken.
00:21:39: Etwas dass sie auf ihrer eigenen Kanotour mal durchspielen können!
00:21:44: Ich bin gespannt.
00:21:45: Stellen Sie sich vor, sie sitzen an einem ruhigen Sommertag in Ihrem Kanu.
00:21:49: Auf der Havel!
00:21:50: Das Wasser plätschert leise ein Seeadler kreist majestätisch über ihn und im Hintergrund sehen sie so versteckt zwischen den Bäumen die alten verwitterten Umrisse der stillgelegten Industrieanlagen.
00:22:03: Ein starker Kontrast.
00:22:04: Werden diese massiven Fabriken, also diese stählernen und betonierten Meisterwerke menschlicher Ingenieurskunst in ein paar hundert Jahren für die Natur vielleicht genau denselben Stellenwert haben wie diese steinernen Oferbefestigungen, die wir jetzt mühsam wieder ausgraben?
00:22:20: Das ist eine faszinierende Vorstellung.
00:22:22: Oder werden unsere industriellen Monumente am Ende vielleicht einfach nur als ein extrem lautes Kurzes Vielleicht ein bisschen zu ehrgeiziges Kapitel verstanden werden?
00:22:35: In der sehr viel längeren, wilden Geschichte dieses Flusses?
00:22:39: Ein toller Gedanke zum Mitnehmen.
00:22:41: Finde ich auch!
00:22:42: Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben selbst das Paddel in die Hand zu nehmen, die Weite des Westhaar-Verlands zu erleben oder noch tiefer in diese historischen und ökologischen Dokumente einzutauchen schauen sie unbedingt in unsere Shownotes.
00:22:56: Genau
00:22:56: Dort finden Sie alle Links zu den Naturschutzberichten des NABU, der genauen Routenführung der Kano-Tour und natürlich den historischen Quellen.
00:23:05: Und wenn Ihnen diese intensive Analyse gefallen hat, ermuntern wir sie herzlich – empfehlen Sie uns weiter!
00:23:12: Ja
00:23:13: teilen Sie diese Folge sehr gerne!
00:23:15: Genau, teilen sie Sie mit Freunden oder Kollegen die sich für genau dieses Spannungsfeld zwischen industrieller Historie und Naturschutz interessieren.
00:23:24: Und damit sind wir auch schon wieder am Ende unseres Podcasts.
00:23:27: Hören Sie in vierzehn Tagen gerne wieder rein, sie finden uns auf allen bekannten Plattformen!
00:23:32: Der NEXT-Premnitz-Vierunddreißig-Podcast ist eine Produktion von Ström New Audio Culture mit freundlicher Unterstützung der PWG, der BWG und der Stadtpremnitz.
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