#019 Premnitzer See – Sport, Freizeit und ein neues Stück Stadt
Shownotes
Was braucht eine Stadt, damit Menschen gerne dort leben, ihre Freizeit verbringen – und vielleicht sogar neu dorthin ziehen?
In dieser Folge von nextPremnitz34 schauen wir auf die Entwicklung rund um den Premnitzer See und verbinden sie mit einer Geschichte, die fest zur Identität der Stadt gehört: dem Sport.
Wir sprechen über:
- die geplante Neugestaltung des Premnitzer Sees
- Fördermittel des Landes Brandenburg für sanierte Wege und neue Freizeitangebote
- den See als Naherholungsort für Premnitzer und als touristisches Potenzial
- das benachbarte „Junge Stadtquartier“, das gezielt junge Familien ansprechen soll
- moderne Baugrundstücke und eine nachhaltige Versorgung mit Fernwärme
- die lange Sporttradition der Stadt und die Geschichte des TSV Chemie Premnitz
- Sportangebote in und auf der Natur, darunter der Wanderkanusport
- die besondere Rolle der Betriebssportgemeinschaften in der DDR
- Sportvereine als Orte für Gemeinschaft, Identifikation und gesellschaftliches Leben
- die Frage, wie Freizeit, Sport und attraktive Wohnangebote heute gemeinsam zur Lebensqualität einer Stadt beitragen können
Die Folge zeigt: Stadtentwicklung besteht nicht nur aus Häusern und Straßen. Entscheidend sind auch die Orte, an denen Menschen sich treffen, bewegen und Gemeinschaft erleben.
Der Premnitzer See, neue Wohnangebote und die starke Sporttradition erzählen deshalb gemeinsam etwas darüber, wie Premnitz in Zukunft leben möchte.
Mehr Infos auch unter: https://mleuv.brandenburg.de/mleuv/de/aktuelles/presseinformationen/detail/~16-08-2024-bereich-um-den-premnitzer-see-wird-aufgehuebscht https://www.premnitz.de/news/5/1108429/wirtschaft/junges-stadtquartier-premnitz.html http://kanusport-premnitz.de/sportangebot https://www.premnitz.de/seite/317568/sportliche-angebote.html https://de.wikipedia.org/wiki/TSV_Chemie_Premnitz https://www.fussball-ddr.de/brandenburg/havelland/vereine/tsv-chemie-premnitz/
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Redaktion: Christopher Weiß, in Zusammenarbeit mit NotebookLM Produktion: STRÖM New Audio Culture, www.stroem.media
Transkript anzeigen
00:00:00: Herzlich Willkommen zu einer weiteren Folge unseres neuen Podcasts Next Premnitz.
00:00:10: Wir haben uns für unsere heutige Analyse ein Thema vorgenommen, das auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen gegensätzlich wirkt.
00:00:17: Wir schauen uns an wie eine Stadt die in den fünftiger Jahren ja wirklich riesige Stadien für so eine staatlich verordnete Arbeiter Fitness aus dem Boden gestampft hat wie die eigentlich heute auf barrierefreie Uferprominaden setzt, also für diese ganz individuelle Wellness.
00:00:33: Genau!
00:00:33: Das ist eine massive Transformation.
00:00:36: Absolut von dieser rauen Industrie-DNA hin zu so einer modernen naturnahen Lebensweise und dafür haben wir uns durch einen wirklich dicken Stapel an Unterlagen gegraben.
00:00:45: Oh ja
00:00:46: das war einiges.
00:00:47: Das können Sie laut sagen städtische Baukonzepte für neue Wohnviertel, Förderbescheide zur Umgestaltung des Premnetzer Sees.
00:00:53: Und dann – das fand ich besonders spannend – diese tiefer grabenen historischen Archive von Lokalensportverein.
00:01:00: und unsere Mission für die Recherche.
00:01:02: ist es einfach herauszufinden wie Premnitz diese starke schwere Vergangenheit mit einer nachhaltigen Zukunft verbindet und zwar nicht nur so theoretisch auf dem Papier.
00:01:11: Ne, genau!
00:01:12: Sondern wirklich in der konkreten Lebensrealität der Menschen vor Ort.
00:01:17: Ich denke, wir können diese Transformation am besten greifen.
00:01:20: Wenn wir uns wirklich mal ansehen wie sich der buchstäbliche Boden unter den Füßen der Anwohner verändert.
00:01:26: Sie spielen auf die neuen Bauprojekte an?
00:01:28: Richtig!
00:01:28: Das junge Stadtquartier Premnitz ist hier also meiner Meinung nach das beste Beispiel für den aktuellen Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklung.
00:01:35: Wir sprechen hier konkret über den zweiten Bauabschnitt.
00:01:38: Da bietet die Stadt aktuell einundzwanzig voll erschlossene Baugrundstücke zum Verkauf an.
00:01:42: Die Parzellen sind so zwischen fourhundert fünfundsechzig und siebenhundert vierzig Quadratmeter groß.
00:01:48: Okay, also eine ganz gute Größe für ein Einfamilienhaus?
00:01:50: Genau!
00:01:51: Und das Besondere der Quadratmeterpreis ist auf exakt einhundert Euro festgelegt.
00:01:57: Da muss ich jetzt aber direkt mal einhaken.
00:01:59: wenn man sich das mal überlegt warum verkauft eine Kommune in der heutigen Zeit in der Immobilienpreise und Bauland ja quasi überall durch die Decke gehen Grundstücke zu einem festen durchaus moderaten Preis direkt?
00:02:11: Das ist eine gute Frage.
00:02:12: Also anstatt sie einfach auf dem freien Markt den Maisbietenden zu überlassen, meine ich?
00:02:16: Wenn Sie sich die Immobilienmärkte im Umland von den Metropolen ansehen regiert da doch oft einfach pure Spekulation.
00:02:22: Ja absolut aber genau diese Spekulation will die Stadt ja vermeiden.
00:02:26: das ist der springende Punkt.
00:02:27: wenn man Bauland einfach in den Höchstbietenen vergibt dann drängt man junge Familien und lokale Fachkräfte oft systematisch aus dem Markt
00:02:34: Verstehe weil die dann nicht mehr mithalten können.
00:02:37: Ein Festpreis, der an bestimmte Verkabelkriterien gekoppelt ist das es so ein klassisches Instrument der kommunalen Daseinsvorsorge.
00:02:44: Man möchte ja Menschen anziehen und binden, die dort langfristig leben, ihre Steuern zahlen und was ja auch wichtig ist, dass gesellschaftliche Leben bereichern.
00:02:52: Das ergibt natürlich Sinn!
00:02:54: Aber der eigentlich entscheidende Hebel bei diesem Quartier ist gar nicht unbedingt der Preis des Bodens
00:02:59: sondern
00:03:00: sondern das was unter ihm liegt.
00:03:02: Die Häuser dort werden nämlich nicht mit individuellen Heizungssystemen geplant.
00:03:06: Ah, die Fernwärme?
00:03:07: Genau!
00:03:08: Die werden zwingend an eine lokal erzeugte Fernwämme
00:03:11: angeschlossen.
00:03:12: Lassen Sie uns das mal technisch ganz kurz aufdröseln weil das ja für jeden der in den letzten Jahren gebaut oder saniert hat ein absolut massives Thema ist.
00:03:19: Ohja, ein echtes Reizthema teilweise.
00:03:22: Fernwährme bedeutet im Kern... dass das heiße Wasser für die Heizung und die Dusche nicht im eigenen Keller durch Gas, Öl oder eine eigene Wärmepumpe erzeugt wird.
00:03:31: Richtig!
00:03:32: Sondern eben in so einem zentralen Heizkraftwerk der Stadt.
00:03:34: Und dieses heiße water fließt dann durch hoch isolierte Rohre unter der Erde direkt in die Häuser.
00:03:39: Exakt.
00:03:40: Aber wenn ich mir die Dokumente anschaue... Die Kosten für diese sogenannte Hausanschlussstation liegen bei knapp ... ... zweiundzwanzigtausend fünfhundertsebzig Euro.
00:03:49: Das klingt ja erstmal nach einer ganz schönen ordentlichen Summe für einen simplen Anschluss.
00:03:53: Das stimmt
00:03:53: Wenn man nur diese nackte Zahl sieht, dann schluckt man erst mal.
00:03:57: Aber – und das ist das Wichtige!
00:03:59: Wir müssen uns ansehen was man dafür alles nicht tun muss.
00:04:02: Okay wie meinen Sie das?
00:04:04: Naja jeder der momentan baut kennt doch diesen extremen regulatorischen Druck durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz kurz EEG.
00:04:12: Puh ja das ist ein Dschungel
00:04:13: Absolut.
00:04:14: Dieses Gesetz verlangt ab sofort einen sehr hohen Anteil an erneuerbaren Energien bei neuen Heizungen Und das bedeutet im Neubau oft unfassbar komplexe Planungen
00:04:24: Mit Wärmepumpen und so weiter.
00:04:25: Genau!
00:04:26: Wärme pumpen, Fotovoltaikopplung auf dem Dach riesige Pufferspeicher im Keller... ...und dann natürlich ständige Wartungsverträge.
00:04:34: Das geht ins Geld und an die Nerven
00:04:36: Richtig.
00:04:37: Und mit diesem Fernwärmeranschluss da kaufen sich die zukünftigen Eigentümer im Grunde aus diesen ganzen regulatorischen Stress einfach frei
00:04:45: Weil die Fernwärke in Bremnitz diese strengen Vorgaben schon erfüllt.
00:04:48: Ganz genau Die erfüllt die EEG-Vorgaben automatisch, weil sie lokal und eben umweltfreundlich erzeugt wird.
00:04:55: Ja das ist schlau!
00:04:57: Man hat dann im Haus nur noch einen relativ kleinen Wärmetauscher – da gibt es keine Flamme, es kommt kein Schraunstandfeger mehr….
00:05:02: man hat keine wahnsinnig komplexe Elektronik im Keller stehen, die nach zehn Jahren kaputt geht.
00:05:07: Es ist also im Grunde ein infrastrukturelles rundum sorglos Paket.
00:05:11: was die Stadt hier schnürt?
00:05:13: So kann man das sehr gut
00:05:14: zusammenfassen.
00:05:15: Sie nehmen den Bewohnern diese ganze technische Komplexität ab, was natürlich ein riesiges Verkaufsargument ist wenn man Fachkräfte oder Familien anlocken will.
00:05:23: Definitiv!
00:05:23: Ich meine, man hat die Grundschule dort nur hundertfünfzig Meter entfernt... ...man hat den Wald direkt im Rücken und die Heizung läuft einfach von selbst.
00:05:30: Und man hat den See um die Ecke?
00:05:32: Genau.
00:05:33: Wenn sie vor die Tür treten sind es in wenigen Schritten am Premnetzer See womit wir eigentlich direkt bei der nächsten großen Baustelle in unseren Quellen wären.
00:05:40: Wichtig die Neugestaltung des Areals
00:05:43: Für dieses Areal.
00:05:43: um den See fließen ja gerade gewaltige Summen.
00:05:46: Also von diesen vierhundertfünfzigtausend Euro Gesamtkosten für die Neugestaltung, stammen ja allein dreihundertdreißigtausende Euro aus sogenannten Liederfördermitteln.
00:05:54: Genau!
00:05:55: Um das kurz einzuordnen – Lieder ist ein Akronym aus dem französischen und steht für einen Förderprogramm der Europäischen Union.
00:06:02: Das zielt ganz speziell darauf ab, die ländliche Wirtschaft und eben auch die Lebensqualität dort zu entwickeln.
00:06:07: Das heißt da kommt das Geld her?
00:06:08: Richtig Es gibt bei Lieder darum, dass lokale Aktionsgruppen selbst entscheiden dürfen welche Projekte ihre Region wirklich aufwerten.
00:06:16: Und in Premnitz fließt dieses europäische Geld nun in die Behebung eines massiven Unterhaltungsstaus am Seeufer.
00:06:23: Ein Unterhaltungsstau?
00:06:25: Ja!
00:06:25: Die klimatischen Veränderungen der letzten Jahre und wie so oft fehlende Mittel hatten die Wege und vor allem den Baumbestand dort ziemlich stark mit Leidenschaft gezogen.
00:06:34: Aber da hake ich jetzt mal kritisch ein
00:06:36: Gerne
00:06:37: Wir sprechen hier über einen See, der direkt an ein Wald grenzt.
00:06:40: Wir haben dort wunderschöne unberührte Natur.
00:06:43: Warum in aller Welt müssen wir jetzt eine knappe halbe Million Euro in die Hand nehmen?
00:06:48: Um in dieser Natur künstliche Fitnessphade zu errichten, Wege aufwändig zu asfaltieren oder zu sanieren und dann noch so Sitzstufen aus Beton- oder Holz ans Wasser zu bauen...
00:06:58: Ich verstehe den Anwand!
00:07:00: ...nimmt man der Natur dadurch nicht genau ihren eigentlichen Wildenreiz.
00:07:04: also Ganz ehrlich, wenn ich in den Wald gehe, dann will ich doch dort keinen gepflasserten Fitnesspark sehen.
00:07:09: Ja das ist eine romantische Vorstellung aber der Denkfehler liegt hier ein bisschen in der Gleichsetzung von wilder Natur und öffentlichem Erholungsraum.
00:07:18: Inwiefern?
00:07:19: Wilde Natur ist für einen fitten dreißigjährigen in Laufschulen natürlich wunderbar zugänglich.
00:07:24: Der springt über Wurzeln und freut sich
00:07:26: Stimmt.
00:07:26: Aber für einen achtzigjährige Anwohner mit Rollator Für eine Familie mit Kinderwagen oder ganz besonders für Menschen im Rollstuhl ist so ein unbefestigter, durch Erosion ausgewaschener Uferpfad schlichtweg eine unüberwindbare Barriere.
00:07:39: Also geht es um barrierefreiheit?
00:07:41: Genau!
00:07:42: Die Investition dient hier primäre Inklusionen.
00:07:46: Laut den Konzepten wird die Naturwahl der Stelle ganz gezielt rollstuhligerecht ausgebaut.
00:07:50: Das stand auch in den Bescheiden hier.
00:07:52: Es geht einfach darum, eine demokratische Infrastruktur zu schaffen die es jedem völlig unabhängig vom Alter oder der körperlichen Verfassung ermöglicht, diesen Naturraum überhaupt erst zu erleben.
00:08:03: Okay das verstehe ich natürlich!
00:08:06: Wenn wir uns die demografische Entwicklung in der Region ansehen dann macht das absolut Sinn.
00:08:10: den Boden da buchstäblich für alle zur Ebene
00:08:13: eben.
00:08:14: Sie sprachen gerade diese Sitzstufen an.
00:08:16: Es geht also gar nicht nur um Bewegung auf diesem Fitnessfahrt sondern auch einfach um das Verweilen vor Ort.
00:08:22: Diese Aufenthalt ist vielleicht sogar der wichtigere soziale Aspekt an der ganzen Sache.
00:08:26: Die Stadt plant, laut den Konzepten nämlich dieses Areal auch jenseits der sommerlichen Badesaison zu nutzen.
00:08:32: Also auch im Winter?
00:08:34: Ja!
00:08:34: Etwa für Weihnachts- oder Osterfestivitäten.
00:08:37: und wenn wir das mal kurz mit dem jungen Stadtquartier verknüpfen über was wir vorhin sprachen wo lernen sich denn diese alteingesessenen und die neu zugezogenen Familien überhaupt kennen?
00:08:48: Ja wahrscheinlich eher selten beim Vorbeifahren auf der Straße.
00:08:51: Richtig Sie treffen sich an genau solchen niederschwelligen Orten.
00:08:55: Ein generationenübergreifender Fitnesspfad oder ein sicherer, gut erreichbarer Spielplatz am See.
00:09:00: Das sind physische Ankerpunkte für sozialem Zusammenhalt.
00:09:04: Man baut also nicht einfach nur ein paar Wege?
00:09:06: Nein man baut im Grunde die Kulisse für eine funktionierende Nachbarschaft
00:09:10: auf!
00:09:10: Das ist ein toller Gedanke.
00:09:12: und wenn wir diese Idee der sozialen Infrastruktur jetzt mal weiterdenken und vom Seeufer direkt auf das Wasser blicken da stoßen wir in unseren Quellen ja auf einen Phänomen dass mich wirklich total überrascht hat.
00:09:22: Sie meinen den Kanusport.
00:09:24: Genau, diese Verbundenheit zur Natur und die Gemeinschaft werden in Premnitz extrem stark über den Wassersport definiert.
00:09:30: Und zwar ganz konkret beim KanoSportPremnitsev.
00:09:34: Ja dieser Verein ist ein wunderbares Beispiel für eine sehr spezifische traditionelle Nische.
00:09:40: Total!
00:09:41: Die Mitglieder betreiben ausschließlich den sogenannten Wander-Kano-Sport auf der Havel und der Streme
00:09:47: Wanderkarnosport.
00:09:48: Genau, da geht es eben nicht um olympische Leistung und schnelle Sprints oder irgendwelche Wettkämpfe auf Zeit!
00:09:53: Es geht um das ausdauernde gemeinschaftliche Befahren dieser Wasserwege meines einfach zusammen in der Natur.
00:09:59: Und die Dimension dieses Vereins ist wirklich erstaunlich.
00:10:01: Wir sprechen hier ja eben nicht von so einem anonymen Großverein mit tausend Mitgliedern Nein
00:10:05: überhaupt nicht.
00:10:06: Die Trainingsgruppe besteht aktuell aus – halten Sie sich fest exakt sechs bis acht Erwachsenen und zwei Kindern
00:10:12: An die winzige Truppe
00:10:13: Wahnsinnig klein und sie treffen sich von April bis Oktober wirklich verlässlich jeden Mittwoch zwischen sechzehn und
00:10:19: achtzehn Uhr.
00:10:20: Und wer eintreten will, da gibt es richtig Regeln!
00:10:22: Man muss mindestens neun Jahre alt sein das Seepferdchen vorweisen und erst mal ein vierwöchiges Probetraining absolvieren.
00:10:28: Das ist sehr strukturiert ja.
00:10:29: Aber jetzt seien wir doch mal ehrlich Wir leben in einem Zeitalter der extremen Individualisierung.
00:10:35: Die Leute gehen heute mit Noise-Canceling, Kopfhörern in anonyme Twenty for Seven Fitness Studios einfach weil sie sich bloß nicht nach festen Zeiten oder anderen Menschen richten wollen.
00:10:44: Das ist der Trend ja?
00:10:45: Ist so ein winziger Verein der so feste Anwesenheit am Mittwoch Nachmittag einfordert da eigentlich kein völliges Auslaufmodell?
00:10:53: Wenn man nur auf diesen Trend zur totalen Flexibilität schaut dann könnte man das definitiv vermuten.
00:10:59: Aber was wir in der Soziologie des Sports aktuell beobachten, ist auch eine wachsende Gegenbewegung zu genau dieser Anonymität.
00:11:06: Ah interessant!
00:11:07: Im twenty four seven Studio da interessiert es doch wirklich niemanden ob sie da um drei Uhr nachts auftauchen oder nicht.
00:11:12: Das stimmt
00:11:12: das merkt keiner.
00:11:13: Ihre
00:11:13: Abwesenheit hat dort einfach keine Konsequenz.
00:11:16: aber in einer Gruppe von gerade mal acht Kanuten auf der Havel da hat ihr fehlen eine ganz unmittelbare Auswirkungen.
00:11:22: Da entsteht ne Verbindlichkeit die wir in unserem modernen flexiblen Alltag oft schmerzlich vermissen.
00:11:28: Sie meinen, man wird da tatsächlich vermisst wenn man an Mittwoch um sechzehn Uhr nicht am Bootshaus steht.
00:11:33: Exakt!
00:11:34: Und diese Verbindlichkeit die manifestiert sich dann in festen Traditionen.
00:11:38: Der Verein organisiert beispielsweise jährlich dieses sogenannte Stremmelfahrt.
00:11:42: Davon habe ich auch gelesen Ja
00:11:44: und das ist eben kein flüchtiges Workout dass man mal eben auf der Smartwatch strikt Das ist ein soziales Ritual das dort über Generation weitergegeben wird
00:11:51: Verstehe.
00:11:53: In einer Zeit in der soziale Bindung immer loser werden bieten solche Mikrostrukturen einen extrem starken emotionalen Halt.
00:12:00: Man übernimmt Verantwortung für das Material, für die Sicherheit der anderen auf dem Wasser und natürlich für das Fortbestehen der Gruppe an
00:12:06: sich.".
00:12:07: Das ist wirklich ein faszinierender Gedanke!
00:12:09: Diese winzige Gruppe als so eine Art Gegenmittel zur städtischen Isolation?
00:12:13: Genau – so kann man das sehen.
00:12:15: Wenn man sich dann fragt, woher diese tiefe Verwurzelung dieses Vereinswesens in Brennen eigentlich kommt….
00:12:21: da muss man gar nicht lange suchen.
00:12:22: Unsere Quellen zeigen nämlich ganz deutlich... Die DNA des Bremnitzer Sports wurde fast ausschließlich von der Industrie geschrieben.
00:12:29: Das ist ein ganz zentraler Punkt der Stadtgeschichte!
00:12:31: Der Übergang vom Sport als einem rein privaten Vergnügen hin zu massiv geförderten Strukturen, der passierte ja in der DDR-Zeit.
00:12:38: Richtig und um diese historischen Strukture zu begreifen müssen wir uns das System der Betriebssportgemeinschaften ansehen.
00:12:45: Die
00:12:45: sogenannten BSG?
00:12:46: Genau Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Sport in der DDR nach sowjetischem Vorbild radikal umstrukturiert.
00:12:53: Man löste die alten bürgerlichen Vereine komplett auf.
00:12:56: Und stattdessen?
00:12:57: Stattdessen banden man den Sport direkt an die Wirtschaftszweige und an die staatliche Gewerkschaft, also den FTGB.
00:13:03: Jeder dieser BSGs wurde ein sogenannte Trägerbetrieb zugeordnet.
00:13:07: Ein Trägarbetrieb
00:13:08: Ja!
00:13:09: Dieser Betrieb war dann für die komplette finanzielle, logistische und auch infrastrukturelle Ausstattung der Sportler verantwortlich.
00:13:15: Dieses System der Trägerbetriebe finde ich wirklich bemerkenswert.
00:13:19: Stellen Sie sich das mal vor, liebe Hörerinnen und Hörere!
00:13:21: Das ist im Grunde so als würde ein globaler Megakonzern – sagen wir mal Red Bull – nicht nur einen Profifußballverein kaufen sondern die komplette Sportinfrastruktur einer ganzen Kleinstadt finanzieren.
00:13:33: Aber
00:13:34: mit einem entscheidenden Unterschied.
00:13:36: Das war damals keine PR-Maßnahme für einen weltweiten Getränkeverkauf.
00:13:40: Der Staat und die Betriebe investierten in den Sport um die eigene Belegschaft.
00:13:44: physisch fit?
00:13:45: diszipliniert und natürlich auch bei Laune zu halten.
00:13:49: Das Ziel war ja ganz klar formuliert in den Akten, weniger Krankheitstage und ein höhere Produktionsoutput drüben an der Maschine.
00:13:56: Die Red Bull Analogie trifft diesen infrastrukturellen Aspekt sehr gut aber sie greift in der Motivation wie Sie schon sagen eigentlich noch zu kurz.
00:14:04: Inwiefern?
00:14:05: In Premnitz wurde diese Struktur im Februar nineteenhundertneunundvierzig aus der Taufe gehoben.
00:14:11: Und zwar als BSG Kunstzeitenwerk Premlitz.
00:14:14: Ah, nach dem großen Werk dort?
00:14:15: Richtig!
00:14:17: Ich erfolgte dann die Umbenennung in BSG Chemie da in der DDR-Zentrale Sportvereinigung gebildet wurden und das Wort Chemie stand damals für die gesamte chemische Industrie aber auch Glas und Keramik
00:14:29: Verstehe.
00:14:30: Das Kunstzeidenwerk war ja der absolute wirtschaftliche Motor der ganzen Stadt.
00:14:34: Und dieser Betrieb finanzierte plötzlich Trainer, er kaufte Ausrüstung für die Sportler, stellte Busse für die Auswärtsspiele zur Verfügung.
00:14:41: Wahnsinn!
00:14:42: Und ermöglicht hier es eben talentierten Arbeitern für das Training und für Wettkämpfe einfach von der Schichtarbeit freigestellt zu werden?
00:14:49: Und die Ressourcen, die da mobilisiert wurden sind aus heutiger Sicht wirklich unvorstellbar.
00:14:54: Zwischen nineteenhundertfünfzig und neunzehnhundertzweiundfünftig wurde in Premnitz das Stadion der Chemiearbeiter gebaut.
00:14:59: Ein gewaltiges Projekt.
00:15:01: Man hat in knapp zwei Jahren eine komplette gigantische Sportanlage aus dem Boden gestampft.
00:15:06: und das alles finanziert und logistisch getragen durch diese Industrie.
00:15:11: Und wenn man sich dann die Archive ansieht, also diese Maschine hat wirklich erstaunliche Resultate geliefert!
00:15:16: Wir haben in den Quellen zwei Sportarten gefunden, die diese Extreme dieses Systemes in Premnitz einfach perfekt illustrieren.
00:15:24: Fangen wir vielleicht mal mit der absoluten unangeforchten Dominanz an – dem
00:15:29: Bowling.
00:15:29: Die Sektion Bowling der BSG Chemie Bremnitz, das ist ein regelrechtes historisches Phänomen.
00:15:36: Diese Sportler haben da eine richtige Dynastie aufgebaut.
00:15:39: Was für Zahlen standen in den Büchern?
00:15:42: Unfassbare neunundzwanzig DDR-Meistertitel haben sie in die Stadt geholt.
00:15:47: Allein die Einzelleistungen sind herausragend.
00:15:50: Ein Name stichter besonders hervor Siegfried Sommer.
00:15:53: Ja Den Namen habe ich auch notiert.
00:15:55: Der
00:15:55: dominierte die Konkurrenz nach Belieben und gewann die Einzelmeisterschaft der Herren in den Jahren neunzehntundhundertsiebzig, neunzenhundertseinundhunderteinundheunzehnundheitundsiebtzig.
00:16:04: Und dann noch mal neunzenthunderteinundachtzig!
00:16:06: Das ist eine Spanne von über zehn Jahren an der absoluten nationalen Spitze – das muss man erst einmal schaffen.
00:16:12: Und es war ja nicht nur so ein Einzelkämpferding oder?
00:16:14: Nein überhaupt nicht….
00:16:15: Die Dominanz erstreckte sich auch komplett auf die Mannschaften.
00:16:18: Sowohl die Damen als auch die Herren beherrschten die Liga... Das Darmenteam sicherte es sich zum Beispiel zwischen nineteenhundertachzig und neunzehnhundertneunzig, sage und schreibe neunmal die Mannschaftswertung.
00:16:29: Neunmal?
00:16:30: Ja!
00:16:31: Sie haben fast die gesamte Konkurrenz der Republik über ein ganzes Jahrzehnt hinweg deklassiert – das zeigt eigentlich wie perfekt diese Förderungen durch den Trägerbetrieb, die Trainingsbedingungen vor Ort und die lokale Talentförderung ineinandergreffen.
00:16:44: Eine echte Bowling-Festung also….
00:16:46: Aber jetzt wird Extrem kurios.
00:16:48: Jetzt kommt der Handball, oder?
00:16:49: Genau!
00:16:50: Wenn wir uns die Handballabteilung der BESG Chemie-Premnitz ansehen... Ich habe mir die Statistiken ernsthaft dreimal durchgelesen weil ich dachte da liegen Druckfehler vor.
00:16:57: Das geht vielen so.
00:16:58: Die Handballer gewinnen in den Jahren.
00:17:11: Im selben Zeitraum sind sie aber in der höchsten Liga, also der DDR-Oberliga die absolute Fahrstuhlmannschaft.
00:17:17: Oh ja das waren Sie!
00:17:18: Die halten den historischen Rekord für die meisten Abstiegene nämlich sieben Stück.
00:17:23: und der absolute Tiefpunkt kam dann in der Saison oneinzehntausendundetachzig zweiundachtzig als sie aus der Oberliga abstiegen ohne einen einzigen Punkt geholt zu
00:17:30: haben.
00:17:31: Null Punkte!
00:17:32: Null Punkte auf dem Konto.
00:17:34: wie ist es denn technisch und sportlich möglich drei Jahre in Folge den nationalen Pokal zu gewinnen?
00:17:39: Und gleichzeitig in der Liga regelmäßig komplett chancenlos unterzugehen.
00:17:43: Erklären Sie mir das mal!
00:17:44: Dieses Paradoxon lässt sich eigentlich nur lösen, wenn man die komplexe Architektur des DDR-Leistungssports versteht.
00:17:51: Es gab da nämlich eine strikte Zwei-Klassengesellschaft im Sport.
00:17:54: Auf der einen Seite standen die Betriebssportgemeinschaft und die BSGs wie eben Premnitz.
00:17:59: auf der anderen Seite Standen ab Mitte der fünftiger Jahre Die großen staatlich voll geförderten Sportclubs die sogenannten SC's Wie zum Beispiel der SC Markteburg oder der SC Leipzig?
00:18:09: Ah, die großen Namen
00:18:10: Genau.
00:18:11: Und in diese Sportklubs wurden systematisch die besten Talente aus den kleinen BSGs delegiert, also im Grunde abgezogen.
00:18:19: Die SCs trainierten unter hochprofessionellen fast schon kasernierten Bedingungen.
00:18:23: Das war also eine ganz andere Liga?
00:18:25: Richtig!
00:18:26: In der regulären Oberliga-Saison musste Premnitz als normale BSG dann gegen diese übermächtigen Sportklub antreten und war oft schlichtweg chancenlos – weil die strukturelle Ungleichheit einfach viel zu groß war.
00:18:38: Daher die vielen Abstiege.
00:18:40: Okay, das erklärt zumindest die Erfolglosigkeit in der Liga.
00:18:43: Aber Moment mal!
00:18:44: Warum haben sie dann dreimal den Pokal geholt?
00:18:46: Die SCs waren dadurch bestimmt auch dabei.
00:18:49: Eben nicht immer – weil der FDGB-Pokal speziell in diesen frühen Siebzigerjahren unter ganz eigenen Bedingungen stattfand.
00:18:57: Wie meinen Sie
00:18:57: das?!
00:18:58: Die historischen Quellen belegen das sehr schön….
00:19:01: In diesen drei Siegerjahren von Premiers haben die dominierten Sportklubs der höchsten Liga teilweise gar nicht am Pokalwettbewerb teilgenommen.
00:19:08: Ach verrückt, warum
00:19:09: nicht!?
00:19:10: Der Staat hatte entschieden, dass sich die nationalen Kaderspiele dieser SCs auf internationale Turniere oder wichtige Länderspiele konzentrieren sollten.
00:19:18: Der nationale Pokalwettbewerb war somit plötzlich befreit von diesen übermächtigen Gegnern.
00:19:23: Das ist ja unglaublich!
00:19:25: Das ist in etwa so als würde man heute beim DFB-Pokal sagen – also Bayern München, Bayer Lewakusen und Borussia Dortmund haben gerade Champions League Stress.
00:19:33: Die spielen im Pokal dieses Jahr einfach mal nicht mit.
00:19:35: Genauso...
00:19:36: Und plötzlich ist der Weg komplett frei für einen extrem ambitionierten Zweitligisten, der dann das Finale gewinnt.
00:19:43: Das ist eine sehr treffende Übersetzung in die heutige Zeit!
00:19:46: Aber wissen Sie?
00:19:47: Das schmälert die Leistung der Prim-Litzer Handballer keineswegs – im Gegenteil… Finden
00:19:51: sie?!
00:19:52: Ja!
00:19:53: Es beweist nämlich dass sie innerhalb dieser breiten sportlichen BSG Strukturen das absolute Nonplus Ultra waren... Sobald diese staatlich hochgezüchteten Sportclubs fehlten, war Premnitz zur Stelle und hat sofort dominiert.
00:20:07: Und die sportliche Substanz war in der Stadt so tief verankert, dass sie sogar den Zusammenbruch des gesamten Systems überlebte!
00:20:14: Da sind wir beim spannenden Sprung in die Gegenwart – aus dieser BSG-Chemie wurde nach der politischen Wende der TSV Chemie Premniz.
00:20:23: Und die Handballer haben sich kurz darauf – das war in der Saison, deiner Saison von deiner Hälfte – tatsächlich sogar für die zweite Handball-Bundesliga der Staffel Nord im Vereinten Deutschland qualifiziert.
00:20:33: Eine enorme Leistung!
00:20:34: Absolut.
00:20:35: und auch in Fußball spielten sie in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren mehrfach in der zweitklassigen DDR-Liga und sind heute eine feste Größe in der Landesklasse West.
00:20:44: Also der Verein hat heute rund siebenhundertfünfzig Mitglieder und bietet neunzehn verschiedene Sportarten an.
00:20:49: Das ist für die Stadtgrüße beachtlich.
00:20:51: Ja, das Trägerunternehmen dass dieses alte System so massiv finanziert hat, das gibt es in dieser Form längst nicht mehr.
00:20:57: aber die Strukturen diese Liebe zum Sport und vor allem die Notwendigkeit von Orten der Begegnung sind geblieben
00:21:04: Und genau hier schließt sich jetzt der Kreis zu unserem
00:21:06: Anfang
00:21:08: Wenn wir heute über die Neugestaltung des Bremnitzer Sees oder dieses neue Wohnquartier sprechen dann bauen wir im Grunde auf genau diesem massiven historischen Fundament auf.
00:21:18: Die Infrastruktur der Stadt überdauert diese politischen Systeme.
00:21:21: Aber ihr Zweck?
00:21:23: Der verändert sich!
00:21:24: Wie würden Sie diesen Wandel zusammenfassen?
00:21:26: Naja, damals wurde der Sport massiv von den Betrieben finanziert um den Körper der Arbeiter für die Industrie gesund und funktional zu halten.
00:21:35: Der Sport diente ganz klar der Produktionssteigerung
00:21:37: Richtig.
00:21:38: Wenn wir aber heute mit europäischen Fördermitteln Generationen übergreifende Fitnesspfade am Seeufer anlegen dann tun wir das für unsere ganz individuelle Selbstverwirklichungen für unsere mentale Gesundheit und für soziale Teilhabe in einer zunehmend vereinzelten Welt.
00:21:54: Die Kulisse, also der See das alte Stadion die Werksanlagen im Hintergrund – die bleibt bestehen!
00:21:59: Aber die Motivation warum wir uns in dieser Stadt bewegen?
00:22:02: Die hat sich um hundertdachzig Grad gedreht.
00:22:05: Das ist ein wirklich hervorragender Gedanke den Sie liebe Hörerinnen und Hörern vielleicht auf Ihren nächsten Spaziergang um den Bremnitzer See oder bei der Betrachtung der neuen Baugrundstücke mal mitnehmen können Egal, ob sie alteingesessen sind oder gerade erst überlegen hier ihre Wurzeln zu schlagen.
00:22:22: Sie bewegen sich in einer Umgebung deren Geschichte buchstäblich in den Boden und in die Vereinsbücher eingeschrieben ist.
00:22:28: So ist es!
00:22:29: Schauen Sie unbedingt an unsere Shownotes.
00:22:31: dort haben wir für Sie alle weiterführenden Links zu diesen Baukonzepten, den historischen Vereinsarchiven und den detaillierten Plänen für die Ufergestaltung hinterlegt Und wenn Ihnen unser genauer Blick auf die Quellen heute gefallen hat, dann freuen wir uns enorm.
00:22:44: Wenn Sie diese Analyse mit Freunden der Familie oder vielleicht zukünftigen Nachbarn teilen und unseren Podcast weiter empfehlen.
00:22:51: Bleiben sie neugierig?
00:22:53: Bleiben Sie in Bewegung und vor allem bleiben Sie miteinander im Gespräch!
00:22:56: Und damit sind wir auch schon wieder am Ende unseres Podcasts.
00:22:59: Hören Sie in vierzehn Tagen gerne wieder rein – Sie finden uns auf allen bekannten Plattformen.
00:23:04: Der Next Premnitz-Vierunddreißig-Podcast ist eine Produktion von Ström New Audio Coucher Mit freundlicher Unterstützung von der PWG, der WBG und der Stadt Bremnitz.
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